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Wortspiele

Eine (ge)wichtige Ausstellung zum Schuljubiläum des Luitpold-Gymnasiums

14. November 2003

Auch in einem Jubiläumsjahr ist es ohne Zweifel etwas Außergewöhnliches, dass es einem Gymnasium möglich ist, über einen längeren Zeitraum eine Ausstellung dieses Ranges zu präsentieren. Das erfüllt uns mit Freude und auch mit einem gewissen Stolz.

Gewichtig ist diese Ausstellung in zweierlei Hinsicht: Erstens handelt es sich bei den Exponaten nicht um relativ mobile Bilder oder kleinere Skulpturen, sondern um tonnenschwere bildhauerische Arbeiten, deren Wirkung man sich schon auf Grund ihrer massiven Präsenz nicht entziehen kann. Gewicht hat diese Ausstellung aber vor allem dadurch, dass es sich um viel beachtete Arbeiten eines renommierten Künstlers handelt, die schon an anderen Ausstellungsorten bleibende Eindrücke hinterlassen haben.

Wie wurde diese außergewöhnliche Ausstellung an unserer Schule möglich? Zu verdanken ist sie natürlich in erster Linie dem Künstler Rudl Endriß selbst, der sich, als Vater einer ehemaligen Schülerin unseres Gymnasiums, auf Nachfrage der Schul- leitung spontan bereit erklärte, zum 125-jährigen Jubiläum einige seiner Arbeiten kostenlos zur Verfügung zu stellen. Damit nicht genug, er selbst plante bei einigen Lokalterminen persönlich die Ausstellung, organisierte und bewerkstelligte auch noch eigenhändig Antransport und Aufstellung der Exponate. So blieben der Schule nur die reinen Transportkosten, die großzügig von Alois Schechtl, ebenfalls Vater einer künstlerisch begabten ehemaligen Schülerin, übernommen wurden.

Warum erscheint gerade der Pausenhof eines Gymnasiums als ein durchaus geeigneter Ort für diese Ausstellung? Zu Beginn dieses Schuljahres kam mit dem Erscheinen des neuen Lehrplans nicht zuletzt eine langjährige Diskussion über die ästhetische Bildung zum Abschluss, die es als ein besonderes Anliegen des Gymnasiums sieht, angesichts einer an schnellem Konsum orientierten Oberflächlichkeit, auch was die Wahrnehmung der Welt betrifft, wieder ästhetische Maßstäbe zu vermitteln, wieder einen Sinn für das Schöne zu wecken:

"Die ästhetische Bildung, die das Gymnasium vermittelt, ermöglicht es den Heranwachsenden, durch differenziertes Wahrnehmen, Erleben und Gestalten Zugänge zu künstlerischen Leistungen zu entwickeln, die das Leben und die eigene Persönlichkeit bereichern. Sie hilft den jungen Menschen auch, sich der Bedeutung von Stil und Form für die persönliche Lebensgestaltung bewusst zu werden."

Wer durch unser Schulhaus geht, unsere Jahresberichte ansieht oder uns auf unserer Homepage besucht, dem wird bewusst, dass die künstlerisch-ästhetische Bildung unserer Schüler immer schon ein besonderes Anliegen dieses Gymnasiums gewesen ist. In Fortsetzung dieser Tradition und als geradezu exemplarische Umsetzung der angesprochenen Ziele des neuen Lehrplans stellt diese Ausstellung einen künstlerischen Meilenstein dar - oder sollte man lieber sagen: Meilensteine? Wie erratische Blöcke, wie hoch aufgerichtete Wegzeichen liegen oder stehen sie nun als unübersehbare "Denk-Mäler" in unserem schulischen Alltag, zur geistigen Auseinandersetzung herausfordernd und sicherlich oft auch irritierend, weil sie sich dem einen oder anderen nicht so schnell und leicht erschließen werden. Zweifelsohne sind sie herausfordernd mit ihrem spannungsreichen Kontrast zwischen herausgebohrtem und -gebrochenem Rohzustand und polierter Oberfläche von gleichsam intellektueller Glätte, in der die Sprache ihre Spuren hinterlassen hat. Aus historischen Tiefen kommend, erinnernd an altägyptische oder antike römische Denkmäler, stehen diese "Denksteine" scheinbar zeitlos und unvergänglich, stemmen sich mit ihrer ganzen wuchtigen Masse einer rastlos schnell- lebigen Zeit mit ihren flüchtigen visuellen Eindrücken entgegen.

"Wortspiele" vermittelt zunächst den Eindruck oberflächlicher Leichtigkeit. Exemplarisch - und wohl auch titelgebend - zwei mannshoch aufragende dunkle Steinsäulen. Doch was auf der einen Seite scheinbar spielerisch-leicht beginnt, findet mit Worten wie "Hölle" oder "Verbot" auf der gegenüberliegenden Seite keineswegs eine ebensolche Ent- sprechung. Gedanklicher "Spiel-Raum" tut sich zwischen den beiden Säulen auf, und wenn man sich erst einmal auf diese "Spielereien" eingelassen hat, mögen sie bis zu Assoziationen mit den "Twintowers" führen oder bei den vielfältigen "Spiel-Verderbern" in unserem politisch-sozialen Umfeld enden.

Neben diesen ästhetisch-intellektuellen Impulsen bietet diese Ausstellung aber auch Gelegenheit zu einer faszinierenden menschlichen Begegnung, und zwar mit der Persönlichkeit Rudl Endriß. Seit 1993 ist der Künstler nach einem Schlaganfall halbseitig weitgehend gelähmt. Es war überaus beeindruckend, wenn man verfolgt hat, wie Rudl Endriß diese Ausstellung nicht nur präzise geplant und organisiert, sondern dann auch eigenhändig seine Objekte aufgestellt hat. Obwohl - oder vielleicht gerade weil - das von ihm gewählte Ausgangsmaterial für seine Arbeiten maximalen Widerstand leistet, vermag es sich seinem souveränen gestaltenden Zugriff nicht zu ent-ziehen. Schon beinahe demonstrativ bekommen wir vorgeführt, dass sein physisches Handicap ihn in keiner Weise daran zu hindern vermag, seine künstlerischen Vorstellungen mit äußerster Selbstdisziplin und energischer Tatkraft zu verwirklichen. Ästhetische Bildung durch intellektuelle Herausforderung und Orientierung am herausragenden persönlichen Beispiel - beides steht einem Gymnasium gerade in unserer heutigen Zeit gut an.

Dr. Otto Helwig (Schulleiter)
Gunter Fuchs (Stellvertretender Schulleiter)









































Luitpold-Gymnasium Wasserburg am Inn