Braucht Europa eine Leitkultur?
Vortrag von Prof. Alfred Grosser
Rathaussaal Wasserburg 20. März 2007
Professor Alfred Grosser in Wasserburg am Inn – das ist wirklich eine kleine Sensation! Manchen ist er noch aus politischen Diskussionsrunden bekannt, die in den 70 er Jahren im Deutschen Fernsehen übertragen wurden, andere kennen ihn aus dem Französischlehrbuch, wo er stets als Experte für die deutsch-französischen Beziehungen zitiert wird, wieder andere haben eines seiner zahlreichen Bücher gelesen oder – wie Schulleiter Peter Rink – für das Examen im Fach Geschichte durchgearbeitet.. Doch wie würde der 82-Jährige heute auftreten und sprechen? Wer den Typus des gestrengen Professors oder des verknöcherten Gelehrten erwartete, wurde am Dienstagabend im Rathaussaal eines Besseren belehrt.
Von der ersten Minute seines Vortrags „Braucht Europa eine Leitkultur?“ an zog Alfred Grosser die Zuhörerschaft in seinen Bann. Dass es dem betagten Politologen und Publizisten nicht an Charisma mangelt, davon konnte man ausgehen. Schließlich stehen pro Jahr nach eigener Aussage ca 30 Veranstaltungen in ganz Europa in seinem Terminkalender. Dass er dazu auch noch die Vitalität eines 30-Jährigen und einen stets präsenten Humor besitzt, ist schon erstaunlich.
Alfred Grosser beeindruckte sein Publikum aber nicht nur mit Charme und Rhetorik: Sein schier unerschöpfliches geschichtliches Faktenwissen zu den Anfängen Europas und der deutsch-französischen Freundschaft war geprägt von Anekdoten und persönlichen Erlebnissen. De Gaulle, Adenauer, Schumann - Grosser kannte sie alle persönlich, und so hatten seine Ausführungen nichts Belehrendes, wenngleich es nicht an Denkanstößen mangelte. Grosser entwickelte in seinem Vortrag weniger das fertige Konzept einer euopäischen Leitkultur, sondern vielmehr einen Kanon an Grundwerten, die das Grundgerüst einer Gemeinschaft unterschiedlicher Staaten ausmachen sollten. Allem voran steht, was Grosser als „innere Distanz“ bezeichnet, die es dem Menschen möglich macht, selbstkritisch zu denken und sich in die Lage des anderen zu versetzen. Der Mensch müsse realisieren, dass er über ein- und denselben Sachverhalt anders urteilen würde, wenn er zu einer anderen Zeit oder an einem Ort, mit einer anderen Nationalität leben würde. Schon allein dieses Wissen ermögliche uns einen freieren Blick auf die Belange des anderen und die Möglichkeiten einer Gemeinschaft. Hinzu kommt der Wert der Toleranz, der nichts mit Beliebigkeit und viel mit Verantwortung zu tun hat. Und schließlich die Freiheit, die nur möglich ist, wenn überall in Europa soziale Gerechtigkeit und gleiche Bildungschancen für alle Kinder, egal welcher sozialer Herkunft, herrschen.
Deutlich unterstrich Grosser die bereits bestehenden Errungenschaften der EU, wie beispielsweise die freien Grenzen innerhalb Europas, die so mancher heute als selbstverständlich erachtet. Auf supranationaler, also europäischer Ebene könne man eben andere Entscheidungen treffen, als dies innerhalb einer Nation mit all ihren politischen Zwängen und Abhängigkeiten möglich sei. Zahlreiche Beispiele, wie etwa der Schutz europäischer Gewässer vor Überfischung, zeigten, so der passionierte Verfechter der EU, dass diese übergeordneten Entscheidungen dem Wohle aller Menschen im heutigen Europa und im Europa von morgen dienten. Die Geschichte habe uns gelehrt, dass jedes Mitglied einer Gemeinschaft etwas opfern müsse, was dann der Gruppe in vielfacher Art und Weise zu Gute komme.
Auch zu den Religionen äußerte sich der bekennende Atheist Grosser. Der katholischen Kirche rät er, einen kritischen Blick auf die eigene Vergangenheit mit der Verfolgung und Ermordung Andersgläubiger zu werfen, bevor sie der islamischen Welt Gewaltbereitschaft vorwerfe. Alle Religionen sollten den Blick auf den leidenden Menschen zum Mittelpunkt ihres gemeinsamen Handelns machen. Für ihn selbst, so Grosser schmunzelnd, werde die katholische Kirche erst glaubwürdig, wenn die erste farbige Frau Päpstin geworden sei. Sicher können hier nicht alle Inhalte von Alfred Grossers Vortrag adäquat wiedergegeben werden. Auf jeden Fall ist es aber Alfred Grossers Verdienst, wenn nach seinen zugleich unterhaltsamen und beeindruckenden Ausführungen mehr überzeugte Europäer den Saal verließen als ihn zu Anfang betreten hatten.
2011-2012
2010-2011
2009-2010
2008-2009
2007-2008
2006-2007
2005-2006
2004-2005
2003-2004
2002-2003