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2003 Vincennes

Schüler aus Deutschland in den USA

Ein wichtiger Besuch zur richtigen Zeit

Um ein Jahr hatte man den eigentlich wieder "fälligen" Austausch zwischen dem Wasserburger Luitpold-Gymnasium und den High Schools in Vincennes im US-Bundesstaat Indiana unter dem Eindruck der Anschläge vom 11. September verschoben. Nun hatten die Wasserburger Gymnasiasten ihre Flüge bereits im November 2002 gebucht, um in den Osterferien 2003 endlich in die amerikanische Partnerstadt zu reisen - und jetzt zog drohend der Irak-Krieg herauf, der kurz vor der geplanten Abreise dann tatsächlich begann. In einigen Krisensitzungen und Beratungen mit Schülern, Eltern, Elternbeiratsvertretern und Schulleitung diskutierte man die Frage, ob die geplante Reise vor diesem politischen Hintergrund ratsam sei.

 

Irgendwie hatten alle ein etwas mulmiges Gefühl in der Magengegend, auch wenn der Verstand sagte, dass die Sicherheitsvorkehrungen wohl einen Höchststand erreicht haben dürften und dass gerade in der gegenwärtigen Lage vor dem Hintergrund der recht tiefgreifenden politischen Meinungsverschiedenheiten ein Besuch in der amerikanischen Partnerstadt Wasserburgs wichtiger sei denn je.

Aber wäre man in den USA als Deutsche(r) überhaupt noch willkommen? Es gab wohl niemanden in der Reisegruppe, den man als Anhänger von George W. Bush und seiner Politik hätte bezeichnen können, was einige im Internetkontakt mit den amerikanischen Gastgeberfamilien auch unumwunden geschrieben hatten. Presseberichte über aufgekündigte Partnerschaften und über "rüde Anmache" gegenüber deutschen Austauschschülern an amerikanischen Provinzschulen waren nicht gerade ermutigend. Die amerikanischen Familien beantworteten entsprechend verunsicherte Nachfragen aus Wasserburg auf ganz eindeutige Weise: "Come to America!" war das Motto einer konzertierten E-Mail-, Telefon- und Briefaktion, die an der Aufrichtigkeit der Einladung keinen Zweifel ließ.

 

So brach zu Beginn der Osterferien eine Gruppe von 16 Schülern mit ihrem Begleitlehrer Gunter Fuchs in die Vereinigten Staaten auf, wobei man gleich Erfahrungen mit den wirklich rigiden Sicherheitskontrollen machte: Manche Koffer wurden insgesamt gleich viermal geöffnet und durchsucht. Nach einer alles in allem fast 20-stündigen Reise kam man erschöpft aber glücklich in Vincennes an, wo die Gruppe von einem großen Aufgebot der gastgebenden Familien herzlich in Empfang genommen wurde.

Zwei Schülerinnen waren übrigens in ihren Familien in den Zimmern der jungen Söhne untergebracht, die sich als Soldaten im Irak-Krieg befanden, so groß konnten also Vorurteile und Antipathie gegenüber den Deutschen nicht sein. Um es vorwegzunehmen: Es gab sie gar nicht. Niemand aus der ganzen Gruppe wurde irgendwo von irgendwem "angemacht" , man war - vor allem am Anfang - bewusst bemüht, die große Politik außen vor zu lassen.

Das fiel wohl auch deshalb leichter, weil der Krieg inzwischen sowieso zur allgemeinen Erleichterung im Wesentlichen vorüber war. Wurde doch einmal nachgefragt, z.B. in der Schule, oder auch im Laufe der Zeit von Seiten der deutschen Besucher das Thema angeschnitten, so zeigte man durchaus Verständnis für die deutsche Haltung, die allgemein respektiert wurde, auch wenn man eindeutig hinter seinem Präsidenten bzw. seinen Truppen im Irak stand. Auf deutlich weniger Verständnis stießen die Franzosen, die bei jeder Gelegenheit z. T. aggressiv attackiert wurden. Hier wird hinsichtlich der unterschiedlichen historischen "Biografien" der beiden Länder offenbar deutlich unterschieden.

 

Verblüffend für die Gäste aus Deutschland war es ohnehin, dass man vom Krieg nicht viel merkte. Bei näherem Hinsehen viele "yellow ribbons", große gelbe Schleifen, als Ausdruck der Hoffnung auf eine gesunde Wiederkehr, hier und da ein Schild "Bless our troops!" auf Reklametafeln von Tankstellen und Geschäften sowie auf Schildern in Vorgärten und dann vielleicht noch ein paar "Stars and Stripes" mehr als sonst. Die gab es aber seit "nine-eleven" wohl schon reichlich, wobei es für die Amerikaner interessant war zu erfahren, dass man in Deutschland in seinem Garten vielleicht noch die bayerische Fahne hissen kann, bei "Schwarz-Rot-Gold" aber Gefahr läuft, für rechtsextrem gehalten zu werden. In Amerika steht auch in jeder Kirche der vielen unterschiedlichen Konfessionen eine Nationalfahne. Während der zahlreichen Ostergottesdienste mit viel Musik, Gesang und Passionsspiel wurde natürlich auch für die Soldaten an der Front gebetet, und eines wurde den deutschen Besuchern dann endgültig klar: Gott ist eindeutig Amerikaner. Auf der Seite "Religion" in der Lokalzeitung wetteiferten die verschiedenen Glaubensrichtungen, wessen Beistand für die Truppen besonders intensiv und hilfreich sei.

Eigenartig: Einerseits gibt sich der Staat bewusst tolerant und vermeidet angeblich jede religiöse Beeinflussung wie z.B. durch Religionsunterricht an den Schulen, andererseits spielen Religion und Kirchen eine auffallend große Rolle im öffentlichen Leben, vom Freizeitbereich bis hin zur großen Politik, kaum eine wichtige Veranstaltung, zu deren Beginn nicht gemeinsam gebetet würde.

Etliche Tage verbrachte man an den örtlichen High Schools, erstaunt über eine eigenartige Mischung aus Lockerheit im persönlichen Umgang einerseits und strengen Vorschriften (z.B. Kleidung) und rigorosen Kontrollen (z.B. auf Medikamente jeder Art) andererseits. Dazu lückenlose Kameraüberwachung im gesamten riesigen Gebäudekomplex. Ganz schön lang, so ein amerikanischer Schultag bis in den Nachmittag hinein, und das Kantinenessen ist wohl eines der wenigen Dinge, die die deutschen Gäste nach ihrer Abreise nicht vermisst haben werden. Ansonsten auch im Unterricht oft erstaunliche Dinge, wobei das Sezieren eines ungeborenen Ferkels im Rahmen des Biologieunterrichts etwas unterschiedliche Reaktionen hervorrief. Sicherlich ist aber eine praxisnahe und projektorientierte Unterrichtsgestaltung eine Stärke des Bildungssystems. Dabei ist es dem Schüler aber offenbar oft freigestellt, ob er sich in eigenverantwortlicher Arbeit engagiert oder lieber Karten spielt, die Interessen- und Leistungsunterschiede bei den Schülern sind sehr hoch. So tat das viele und große Lob für ihre hervorragenden Englischkenntnisse den deutschen Schülern natürlich sichtlich gut, ebenso wie die Erfahrung, dass man im muttersprachlichen Englischunterricht der Amerikaner ganz gut mithalten kann.

 

Ungewöhnlich und interessant: "Reality Store", eine Art Alltagsleben-Monopoly, bei dem man lernen soll, mit dem Geld, das man verdient, auszukommen, was nur einer von uns einigermaßen schaffte, kassierte doch neben der Autoversicherung, dem Wasserwerk und dem Finanzamt auch noch die Polizei ab, tja das speed-limit. Anschließend gleich "Safe Prom", Verkehrserziehung der 16 Jahre jungen Autofahrer auf amerikanisch: Auf einem Baseballfeld wird ein Autounfall mit mehreren Verletzten und einem Toten simuliert, den ein jugendlicher Fahrer unter Alkoholeinfluss verursacht hat. Dann rückt alles an, was Räder hat: zahlreiche Polizei- und Krankenwagen sowie die Feuerwehr; die Mutter des Unfallverursachers trifft am Ort des Geschehens ein, der Rettungshubschrauber holt einen lebensgefährlich Verletzten vom Rasen, der Leichenwagen fährt vor und nimmt den Toten mit. Und nachdem zwei Abschleppwagen die Wracks entfernt haben, stehen die Freunde des Toten um dessen Grab und nehmen Abschied. Vielleicht wird auch einige der deutschen Schüler ein pechschwarzer Schlüsselanhänger mit der Aufschrift "DEAD" begleiten (Rückseite: Drugs End All Dreams) und daran erinnern, dass man in einem leichtsinnigen Augenblick nicht nur sein eigenes Leben zerstören kann.

Eine originelle neue Idee dann der Besuch der deutschen Gäste in einer Reihe von Grundschulen, wo die Kleinen den großen Schülern aus dem fernen Land ein Loch in den Bauch fragten. Mit Hilfe eines Globus wurde eine ungefähre Vorstellung vermittelt, woher man kam. Erklärt wurde auch, dass Deutschland kein Entwicklungsland mehr ist und auch schon Computer hat. Schnell fanden die deutschen Schüler dann eine wirksame Strategie heraus: Sie erklärten den Kleinen, dass sie aus der Heimat des "BiEmDabbelju" kämen, womit die Technikkompetenz hinreichend bewiesen war, und dass man in Deutschland mit diesem Fahrzeug auf der Autobahn fahren darf, was es hergibt - da staunt auch ein Amerikaner.

Am späteren Nachmittag oder am Abend nahm man dann an den typischen Freizeitaktivitäten der amerikanischen Jugendlichen teil: Man verfeuerte Kartoffeln mit selbst gebauten "potato-guns" in die umliegende Nachbarschaft, ging zum Bowling oder fuhr mit dem schülereigenen "Pick-up" zum "mudding", wobei bei diesen Schlammrennen offenbar derjenige gewonnen hat, bei dem die Grundfarbe seines Autos anschließend am wenigsten zu erkennen ist.

An den Wochenenden und zum Teil auch während der Woche, wenn man sich eigens Urlaub genommen hatte, wurde auch mit den Familien oder in kleinen Gruppen viel unternommen. Man fuhr nach Indianapolis zum Baseball - die Regeln hat aber immer noch niemand so richtig begriffen - oder zu einem der großen nationalen Basketball-Spiele.

An den Wochenenden und zum Teil auch während der Schule zum Konzert- wettkampf nach St. Louis am Mississippi mit anschließendem ausgiebigem Vergnügungsparkbesuch. Manche Familien reisten mit ihren deutschen Gästen sogar per Auto oder Bahn quer durch den ganzen Bundesstaat bis hinauf nach Chicago. Besonderes Glück hatte der begleitende Lehrer, er wurde mit vier Schülern von seinem amerikanischen Gastgeber in dessen Privatmaschine zu einem Tagesausflug in die atemberaubende Metropole am Michigansee geflogen. Natürlich auch sehr wichtig, nicht zuletzt wegen der deutlichen weiblichen Mehrheit in unserer Gruppe: ausgedehnte Besuche in den Malls, also den riesigen Einkaufspassagen, z.B. in Evansville.

 

An den letzten beiden Abenden in Vincennes dann noch offizielle Termine: Empfang im Rathaus und das "farewell dinner" in Anwesenheit vieler Bürger, die ihren deutschen Gästen die Ehre gaben. Und in allen Ansprachen ein allseitiger Tenor: Es sei genau die richtige Zeit gewesen, um von Deutschland nach Amerika zu reisen. Das bewies auch das große Echo, das der Besuch der deutschen Schülergruppe in den lokalen Medien fand. Schon gleich nach der Ankunft gab es einen großen Artikel, der auf der Titelseite begann, fünf weitere Zeitungsbeiträge folgten. Die Ansprache des begleitenden Lehrers im Rathaus, die angesichts der politischen Situation und weil es sich um den stellvertretenden Schulleiter und ein Vorstandsmitglied des Wasserburger "Vincennes-Komitees" handelte, etwas länger ausgefallen war, wurde sogar zweimal im Rundfunk übertragen, und anschließend gab es noch ein Fernsehinterview zu überstehen. Und so bleibt als Fazit: Vielleicht war es gerade der schwierige außenpolitische Hintergrund, der diesen Austausch zu einem der sicherlich schönsten und erfolgreichsten in einer langen Reihe gemacht und damit den Beziehungen zwischen Wasserburg und Vincennes einen sehr positiven Impuls gegeben hat.

Der deutschen Reisegruppe, die schweren Herzens von Vincennes Abschied nahm, stand aber noch ein weiteres Abenteuer bevor: Drei Tage in der amerikanischen Hauptstadt Washington, was der ohnehin schon an großartigen Eindrücken reichen Reise gleich noch eine ganze Reihe weiterer hinzufügte, wobei die Gruppe für Amerikaner wahrscheinlich schier unvorstellbare Entfernungen zu Fuß zurückgelegt haben dürfte.

Schade ist nur, dass Ende Juni lediglich eine kleine Gruppe von Amerikanern nach Wasserburg zum Gegenbesuch kam, wobei nach unserem Aufenthalt in Vincennes einige amerikanische Gastgeber ihre Entscheidung, nicht nach Deutschland zu fliegen, wohl gerne korrigiert hätten. Aber immerhin gibt es Hoffnung: Die Zahl der Schüler, die sich an der High School für das Fach Deutsch angemeldet hat, nahm heuer deutlich zu. Und Andy Kramer, der schon einmal als Austausch- schüler in Wasserburg gewesen ist und dessen Familie seine beiden deutschen Partner aufgenommen hatte, wurde gleich von so großer Sehnsucht nach seinen deutschen Freunden geplagt, dass er sich bereits in den Pfingstferien allein nach Wasserburg aufmachte.

Gunter Fuchs

Luitpold-Gymnasium Wasserburg am Inn