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2003 Rund oder spitz

Schülergruppe des Luitpold-Gymnasiums

21. / 22. / 28. / 29. März 2003

 

Leitung: Henning Hörmann

 

 

Diese szenische Collage ist eine Eigenproduktion, die von ehemaligen Teilnehmern des Grundkurses Dramatisches Gestalten 2001/2002 und von Teilnehmern der Theatergruppe des LGW unter der Leitung von Henning Hörmann eingerichtet wurde. Auslöser waren die Ereignisse vom 11. September 2001, die verarbeitet werden wollten, zur Reflexion zwangen und sich der theatralen Aneignung anboten. "Wie entstehen Konflikte? Was sind ihre Ursachen? Gibt es einen gemeinsamen Nenner?", waren Fragen, die sich aufdrängten und auch die Frage, ob sich immergleiche Mechanismen erkennen lassen, wenn man Konflikte analysiert. Dies war der Ausgangspunkt des "Konfliktseminars".

 

Henning Hörmanns Konfliktseminar

Man versucht immer möglichst schnell irgendetwas auf einen Nenner zu bringen um es abhaken zu können in unserer entertainment- und actionreichen Zeit. Da das dargebotene Stück noch dazu Aktion in Hülle und Fülle bietet, Lärm, Brüllerei, perfektes Bewegungstheater, laute unkonventionelle Musik, skurrile Bilder, Anleihen im Bildungskanon der Bibel, der Mythologie und im sensationellen Geschehen unserer Zeit, außerdem einen etwas lapidaren Titel - "rund oder spitz oder wer hat recht" - bietet, und dann noch in einer collageartigen Anordnung, wie man sie von der grellen, aber bereits abgenutzten MTV-Welt kennt, daher kommt, sucht der sinntrachtende Zuschauerteil beflissen nach der Aussageabsicht, während andere vielleicht nur stirnrunzelnd feststellen, da sei wieder ein beliebiges Mosaik unserer Unterhaltungskultur zu finden.

 

Die Choreografie ist atemberaubend - vor allem gegen Ende hin, als das einstürzende World Trade Center mit der Frage verknüpft wird, ob man ein Ei am spitzen oder runden Ende aufschlagen sollte. Wenn sich die beiden Spielergruppen das "spitz" und "rund" an den Kopf werfen, staunt man über die geistige und körperliche Präsenz und über die spielerische Disziplin aller Beteiligten. Dies ist im Schultheater wohl eher die Ausnahme und der ahnungslose Zuschauer wird dadurch mitten ins Unbehagen hineingetrieben. Schließlich wird nicht ein Ausschnitt des theatralischen Bildungskanons wiedergekaut, was manch einer vorziehen würde, ebenso fehlt die gewöhnliche schulische nette Belanglosigkeit, die nur auf eine kurzfristige Öffentlichkeitswirksamkeit aus ist. Die Szenenfolge irritiert, das schauspielerische Niveau und das der Inszenierung beeindrucken, doch die Frage nach dem Inhalt, nach der Aussage lässt sich schwer beantworten.

 

Zum Glück findet der sinnbeflissene - an sich rar gewordene Zeitgenosse - im Theaterprogramm ein paar Ankerhaken für die Sinnorientierung. Da ist vom 11. September die Rede, von Verarbeitung, von Reflexion des schrecklichen Ereignisses. Da wird dann sogleich - der Sinnsucher atmet auf - die Fragefolge angepriesen: "Wie entstehen Konflikte? Was sind ihre Ursachen? Gibt es einen gemeinsamen Nenner?" und der Sinnsucher nimmt sie als Garantie einer Antwort im Sonderangebotsstatus gerne auf. Die Problematik wäre dafür in den Griff gebracht. Gott sei dank schon vor der Aufführung. Jetzt steht der Unterhaltung nichts mehr im Wege. So muss es sein. Auf dieser Grundlage kann das Stück in der Erinnerung noch einmal ablaufen: Die Leiterin des Seminars "Kommunikation, Kooperation, Konfliktlösung" gibt den programmatischen Konfliktbegriff vor: Es handle sich um einen "positiven" Konfliktbegriff, der Konflikte als "etwas ganz Normales im Zusammenleben" beschreibe. So weit, so gut. Und als kurz darauf das Licht ausfällt, gerät die Seminarleiterin in Panik und ruft in bewährter Aufklärungssymbolik nach mehr Licht. Der Wille, Gewissheit, Wahrheit und Lösungen zu erlangen, ist also vorhanden - wenn auch nur für diesen kurzen Moment.

 

Dann werden einzelne Konfliktsituationen gekonnt aneinandergereiht, postmoderne aufgepepte Mythologie, absurde, da kindliche, Alltagssituationen, Erziehungsdesaster und verfremdetes aktuelles Geschehen. Es werden also kommunikative, zwischenmenschliche, moralische, psychologische und tagespolitische Konflikte in einen Konflikt-Ragouttopf geworfen und irgendwie, nach unbekanntem Rezept, miteinander verrührt. Gott sei dank, obwohl dieser im Stück keinen Platz findet, wird kein doktrinäres Belehrungstheater geboten, wie das Programmblatt befürchten ließ: Die Fragen nach den eigentlichen Konfliktursachen werden nicht beantwortet, auch Lösungsmöglichkeiten fehlen gänzlich. Das macht das Unbehagen im Zuschauer aus, der vielleicht allzu angepasst ist an die geistige Sphäre der alltäglichen Mittags- und Nachmittagstalkshows, in denen Lösungsmöglichkeiten für jeden Geschmack und ohne Bildungsanforderungen angeboten werden.

 

Wenn allerdings das Huhn nach dem Einsturz des Word Trade Center wie Phönix aus der Asche gackernd zu neuem Leben erwacht, ahnt man plötzlich eine Erklärung für das Handeln George W. Bushs im Irak-Konflikt. Schließlich wird im Stück auch einmal kurz auf diesen konfliktträchtigen Sheriff angespielt. Aus Gewalt gestorben, erhebt sich Phönix zu neuem Leben. Er hat hinzugelernt, sich angepasst, Rechtfertigungsgründe, Gründe für neue Konflikte aus der Asche mitgebracht.

 

Nach Sartre geht die Existenz des Menschen dessen Essenz voraus. Das heißt, sein Wesen und Handeln sind nicht im Voraus bestimmt und abgesichert, sondern er taucht in der Welt auf und definiert sich selbst. "Der Mensch ist nichts anderes, als wozu er sich macht." In Henning Hörmanns Stück ist der Mensch mal Kain, mal Abel, mal ein Huhn, dann eine Schafsherde, eine Gruppe zu Therapierende, eine krankhaft aufgedrehte Seminarleiterin, schließlich jemand, der an den verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten der sprachlichen Aussagen scheitert. Zum Schluss bleibt der Streit um das Ei. Eine Weiterentwicklung hat es nicht gegeben, von rationalem und moralischem Fortschritt keine Spur. Von Charakteren kann man hier sowieso nicht sprechen. Ist das das Spiegelbild des heutigen "normalen" Menschen? Diesen Streit sollten nun die Zuschauer unter sich ausgetragen haben. Allerdings schimmert in diesem Wunsch wieder der Aufklärungsoptimismus durch, der dem Stück auf der Handlungsebene fehlt. Doch die Dialektik lehrt, dass absurdes Theater mehr Aufklärungspotential enthalten kann als Schillers moralische Anstalt.

 

Mike Bebos

































Luitpold-Gymnasium Wasserburg am Inn