Sie befinden sich hier: Home   Unterricht   Geschichte   3. Aktionen   Zeitzeugenvortrag 

Zeitzeugenvortrag

Lebensbericht von Dr. Max Mannheimer

5. Mai 2009

„Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah.
Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.“

Am 5. Mai 2009 besuchte Dr. Max Mannheimer das Luitpold-Gymnasium Wasserburg und berichtete den Schülerinnen und Schülern als Zeitzeuge über seine bewegende Lebensgeschichte: von der schrittweisen Ausgrenzung und Demütigung als Jude, über die Deportation, den Aufenthalt im Ghetto, Hunger, Krankheit, und Misshandlung im Arbeitslager, bis zur Ermordung fast seiner gesamten Familie in den Gaskammern von Auschwitz.

Max Mannheimer wurde 1920 in Neutitschein in der Tschechoslowakei geboren. Zunächst hoffte die Familie, dass es „schon nicht so schlimm“ würde, als die deutschen Truppen das Sudetenland und schließlich die gesamte Tschechoslowakei 1939 besetzten. Mannheimers Vater hatte selbst im 1. Weltkrieg drei Jahre an der Seite der deutschen Truppen gekämpft. Die Hoffnung währte indes nur kurz. Mannheimers Vater wurde verhaftet, er selbst entging der „Schutzhaft“ nur dank der geistesgegegenwärtigen Reaktion seiner Mutter, die ihn als 17jährigen ausgab, obwohl er schon 18 war.

Mannheimer erzählt, wie er die ständig wachsenden Schikanen der deutschen Besatzer erlebte und nur einmal den Mut aufbrachte, sich zu wehren: die Verbotsschilder „Für Juden verboten“ riss er nachts aus dem Stadtpark – aber: „Mein ganzer Mut war vergebens. Am nächsten Abend waren alle Schilder wieder da. Ein zweites Mal brachte ich nicht den Mut auf. Ich bin eben kein Held.“ Im Januar 1943 wurde Max Mannheimer mit seiner Frau, seinen Eltern und Geschwistern nach Theresienstadt deportiert. Theresienstadt diente als Durchgangslager vor dem Weitertransport nach Osten – angeblich zum „Arbeitseinsatz“. Sie ahnten nicht, dass der Zug erst an der Todesrampe von Auschwitz-Birkenau enden sollte.

Gefasst trägt Mannheimer die wohl bewegendste Szene aus seinem Tagebuch vor: „Einzeln treten wir vor. Seine Stimme ist ruhig. Fast zu ruhig. Fragt nach Alter, Beruf, ob gesund. Läßt die Hände zeigen. Einige Antworten höre ich. Schlosser – links. Verwalter – rechts – Arzt – links. […] Dann ist mein Vater an der Reihe. Hilfsarbeiter. Er geht den Weg des Verwalters […]. Er ist fünfundfünfzig. Das dürfte der Grund sein. Dann komme ich. Dreiundzwanzig Jahre, gesund, Straßenbauarbeiter. Die Schwielen an den Händen. Wie gut sind die Schwielen. Links.“

Mit einem Fingerzeig wurde über Leben und Tod entschieden. Rechts: der Tod in der Gaskammer, links: Sklavenarbeit im Arbeitslager. Seine eintätowierte Häftlingsnummer, die Menschen wie Vieh auf eine Nummer reduzierte, zeichnen den Zeitzeugen noch heute: 99728. Im Lager erhält Mannheimer schnell die traurige Gewissheit über das Schicksal seiner Eltern, seiner Schwester und Ehefrau: Alte, Frauen und Kinder, so erklärt ihm ein Lagerinsasse, „gehen durch den Kamin!“. Nur er und sein Bruder Edgar überlebten.

Im Arbeitslager wurden die Lagerinsassen in hölzernen Baracken zusammengepfercht, Decken oder Stroh gab es nicht. In klirrender Kälte mussten die Häftlinge stundenlang Appelle und die Willkür der Wachmannschaften über sich ergehen lassen, ständig begleitet von der Angst als „arbeitsunfähig“ ausselektiert und ermordet zu werden. Es war ein Überlebenskampf, nicht nur gegen die unvorstellbaren Umstände, sondern auch ein ständiger Kampf gegen die Resignation: Lohnt es sich denn überhaupt zu überleben? Für wen? Mannheimer liest wieder aus seinem Tagebuch, über den Moment, in dem er aus Selbstverzweiflung kurz vor dem Selbstmord stand:

„Vor dem Block antreten. Wir frieren. Es ist noch dunkel. Der Boden ist schlammig. Links von uns ist der Stacheldraht. Elektrisch geladen. Totenkopf. Darunter: ‚Lebensgefahr!’. Ich bin verzweifelt. Schaufeln werden wir bekommen. Das eigene Grab schaufeln. Das sind meine Gedanken. Ich spreche sie aus. Mein kleiner Bruder tröstet mich. Ich sollte ihm Stütze sein. Elektrisch geladener Stacheldraht. Nur berühren – aus. Tut nicht weh. Mein kleiner Bruder fragt: Willst du mich allein lassen?“

Mannheimer entging mehrmals nur knapp dem Tod. Nach einer Operation im Krankenbau von Auschwitz wurde er zusammen mit anderen Häftlingen vor einen SS-Arzt zitiert: konnten sie zwischen den Bettreihen eine Distanz von etwa 12 Metern laufend zurücklegen galten sie als arbeitsfähig, scheiterten sie, wurden sie in einem Lastwagen zu den Gaskammern transportiert: „Ich laufe, ich laufe um mein Leben. Ich empfinde keinen Schmerz. Die zwölf Meter erscheinen mir wie eine Ewigkeit. Meine Arme sind vorschriftsmäßig angezogen. Die Brust heraus. Genauer, das Skelett einer Brust. Ich darf ins Bett zurück.“

Nur Max Mannheimer und sein jüngerer Bruder überlebten die Hölle von Auschwitz. Im August 1944 wurde er als „Arbeitsjude“ ins KZ Dachau, Anfang 1945 ins Außenlager Mühldorf verlegt, das am 28. April kurz vor Kriegsende evakuiert wurde. Auf dem Evakuierungstransport wurde er am 30. April 1945 von amerikanischen Truppen befreit.

Max Mannheimer ist 89 Jahre alt und wirkt immer noch unglaublich vital, wäre da nicht eine Bronchitis, die ihm noch zu schaffen macht. Umso beeindruckender, welche Energie dieser Mann immer wieder aufbringt, sich seinen traumatischen Erinnerungen zu stellen – einzig mit dem Ziel, den Schülerinnen und Schülern die damalige Zeit näher zu bringen und ihnen seine wichtigste Botschaft mit auf den Weg zu geben: „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.“ Denn: „Demokratie gibt es nicht zum Nulltarif, man muss etwas dafür tun – und wenn es nur das ist, ein Hakenkreuz wegzuwischen.“

Auf die Frage, wie es denn für ihn möglich war, nach dem Krieg in Deutschland zu bleiben, antwortete er, seine zweite Frau habe ihn nach dem Krieg überzeugt, dass in Deutschland eine Demokratie entstehen könne. Dass er diese Zuversicht teilte und sich seitdem unermüdlich für Toleranz und Menschenwürde in unserer Gesellschaft einsetzt, sollte uns in der Tat eine große Ehre sein, wie es Ernst Pieper im Nachwort zu Mannheimers Tagebuch formuliert.

Dass seine Mission nicht vergeblich ist, zeigten ihm auch die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler, die seinem Vortrag gebannt zuhörten und anschließend zahlreiche Fragen an den Zeitzeugen richteten. Bleibt nur zu hoffen, dass noch viele junge Menschen die Möglichkeit erhalten werden, sich mit diesem beeindruckenden Zeitzeugen über seine Lebensgeschichte zu unterhalten.

Max Mannheimer
Spätes Tagebuch. Theresienstadt - Auschwitz - Warschau - Dachau
Pendo Verlag 2001




Luitpold-Gymnasium Wasserburg am Inn