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Zeitzeugenbericht

„Meine Flüchtlinge haben mir gefehlt“  

Bewegende Momente deutscher Geschichte aus dem Mund eines Zeitzeugen
Hermann Huber, westdeutscher Botschafter von 1988 bis 1992 in der Tschechoslowakei 

„Ich bin gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise ...“ - der Rest dieses berühmten unvollendeten Satzes ging unter im Jubel der DDR-Flüchtlinge in der Prager Botschaft der Bundesrepublik am 30. September 1989. Als Hans-Dietrich Genscher vom Balkon der Botschaft diese Nachricht verkündete, stand neben ihm Hermann Huber, westdeutscher Botschafter von 1988 bis 1992 in der Tschechoslowakei. Der inzwischen 80-Jährige besuchte am 15. April 2010 das Luitpold-Gymnasium, um Schülern als Zeitzeuge in einem fesselnden Vortrag von seinen Erfahrungen zu berichten.

Bereits während des Prager Frühlings 1968 lebte Hermann Huber schon einmal mit seiner Familie in Prag als Diplomat: Während auf dem Wenzelsplatz die Ketten der sowjetischen Panzer rasselten und Querschläger aus sowjetischen Schusswaffen die Fassade des Gebäudes trafen, wurde in der bundesdeutschen Handelsvertretung hektisch der Reißwolf mit Aktenmaterial gefüttert, das den Unterdrückern nicht in die Hände fallen sollte.

Vom Urlaubsort in der Schweiz unternahm Huber im August 1989 seine „heißeste Reise“ nach Prag. Das Auswärtige Amt hatte den Botschafter unverzüglich an den Dienstort zurückbeordert. Dort hatten sich über hundert DDR-Bürger auf das Botschaftsgelände geflüchtet und es wurden „täglich mehr und immer noch mehr“. Als Notunterkunft organisierte man eilig große Zelte. In einem von diesen begann am 1. September pünktlich der Schulunterricht für die Kinder: Fremdsprache Englisch statt Russisch. Für eine in den Wehen liegende Mutter musste ein Geburtshelfer gefunden werden. Zwei kleine Kinder waren von einem unbekannten Fremden einfach abgeliefert worden. Sie konnten weder ihre Eltern noch ihren Wohnort benennen.

Trotz der extremen Zustände und ärztlicher Bedenken wollte Hermann Huber so viele Flüchtlinge wie nur irgendmöglich ins Botschaftsgelände lassen. Er hoffte, dass durch den wachsenden Druck die deutsche Frage auf die Tagesordnung kommen könnte. Als die Flüchtlinge schließlich glücklich in die Bundesrepublik ausgereist waren, fühlte sich Hermann Huber einsam in der leeren Botschaft: „Meine Flüchtlinge haben mir gefehlt.“ Sein Wunsch, die deutsche Frage in Bewegung zu bringen, ging indes in Erfüllung: Bereits Tage vor der Grenzöffnung der DDR am 9. November 1989 sagte ein Mitarbeiter zu ihm: „Die Mauer ist schon gefallen, sie weiß es nur noch nicht.“

Ergänzend zum Vortrag von Hermann Huber haben Schüler der 10. Klassen mit ihren Geschichtslehrern auf einigen Schautafeln in der Aula interessantes Material zum Ende der DDR und zur Wiedervereinigung erarbeitet und präsentiert.

Gerhard Widmann (Fachbetreuer für Geschichte)