Home   Unterricht   Geschichte   3. Aktionen   Spurensuche 

Spurensuche

Exkursion der Fachschaft Geschichte zum Waldlager und Bunkerbogen im Mühldorfer Hart

"Was würden Sie schätzen: Welche durchschnittliche Lebenserwartung hatte ein KZ-Häftling noch, wenn er hier eingesetzt wurde?" Diese Frage richtete der Referent Klaus Schilling aus Ampfing an die Mitglieder der Fachschaft Geschichte des Luitpold-Gymnasiums bei ihrer Fachexkursion. Keine Schätzung reichte an die erschütternde Wahrheit heran: 80 Tage.

Als sich die deutsche Kriegsniederlage und die Befreiung der Opfer des Naziterrors bereits abzuzeichnen begannen, versuchte das Regime das Blatt noch einmal zu seinen Gunsten zu wenden: Fernab der Zielgebiete alliierter Bomber sollten an geheimen Produktionsstätten hochmoderne Düsenflugzeuge gefertigt werden, um – so die Illusion – die Lufthoheit zurückzugewinnen. Hierzu wurden ab August 1944 insgesamt 8000 KZ-Häftlinge v.a. aus Ungarn, aber auch aus Litauen, Italien, Frankreich oder Griechenland  im Wald zwischen Waldkraiburg, Ampfing und Mühldorf in primitivsten Erdhütten zusammengepfercht. In zwölfstündigen Tag- und Nachtschichten mussten sie in Handarbeit – für Maschinen fehlte der Treibstoff – einen 85 Meter breiten und 400 Meter langen Kiesberg aufschütten. Darüber wurde eine Betonschicht aufgebracht und anschließend der Kies darunter durch einen vorbereiteten Tunnel wieder entfernt. Auf diese Weise sollte eine riesige Fertigungshalle mit sechs Ebenen entstehen.

Diese Schwerstarbeit, die völlig unzureichende Ernährung, die Witterungsbedingungen des kalten Winters 1944/45 und die Misshandlungen der Aufseher verursachten kaum vorstellbares Leid und kosteten schätzungsweise 4000 Opfern das Leben. Als Ende April 1945 endlich die US-Armee heranrückte, wollte die SS die überlebenden Häftlinge noch per Bahntransport Richtung Alpen evakuieren. Unter ihnen war Max Mannheimer, der im Februar 1945 mit geschätzten 60 Kilogramm Körpergewicht von Dachau ins Außenlager Mühldorf gekommen war: "Drei Tage später - im Lager konnte ich's natürlich nicht feststellen - haben die Amerikaner, die uns gewogen haben, bei mir ein Gewicht von 37 Kilogramm oder 74 Pfund festgestellt. So dass es für mich höchste Zeit war, gerettet zu werden. Sonst hätte ich es garantiert nicht überlebt."

Die Verbrechen des NS-Regimes verbindet man meist mit Orten wie Dachau oder Auschwitz. Kaum bekannt ist hingegen, dass die massenhafte Quälerei und Ermordung von verfolgten Menschen auch in unserer unmittelbaren Heimatregion stattfand. Erst in jüngster Zeit wurden im Mühldorfer Hart einige spärliche Informationstafeln und versteckte Wegweiser angebracht. Im Boden sind noch Gruben der Erdhütten des Waldlagers erkennbar. Durch Unterholz erreicht man Fundamente eines SS-Wirtschaftsgebäudes. Einer von sieben fertiggestellten Betonbögen widerstand der Sprengung durch US-Truppen, sechs weitere bedecken zertrümmert das Gelände, überwuchert von dichter Vegetation. Vielleicht veranstaltet die Fachschaft Geschichte des LGW in Zukunft die ein oder andere Exkursion mit Schülern zu diesen verborgenen Stätten sinnlosen Leidens und Sterbens, um sie zu Erinnerungs- und Lernorten zu machen. Weiterführende Informationen: http://www.kz-gedenk-mdf.de

Gerhard Widmann (Fachbetreuer für Geschichte)

"" ""