Zeitzeugenbericht
Fluchttunnels unter der Berliner Mauer
Vortrag von Joachim Neumann
"In diesem Staat will ich nicht
mehr leben." So lautete der Entschluss, den Joachim Neumann 1961
in Ost-Berlin getroffen hatte. Er studierte damals gerade
Bauingenieurwesen an der Universität Cottbus. Dort verkündete nach
dem Mauerbau der SED-Parteisekretär: "Wer jetzt nicht spurt,
der fliegt von der Uni!" Der 22-jährige Student Neumann hätte
sich verpflichten müssen, die DDR mit der Waffe zu verteidigen und
hätte seinen Arbeitsplatz nicht mehr frei wählen dürfen. Obendrein
wurde ein Freund zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Denn er hatte
ahnungslos ein Bierzelt besucht, in dem verbotene, westliche
Rock'n-Roll-Musik gespielt worden war, und wurde als vermeintlicher
Rädelsführer angeklagt. Mit dem gefälschten Reisepass eines
Schweizers, blond gefärbten Haaren und großer Anspannung konnte
Neumann noch im Dezember 1961 in die Freiheit nach West-Berlin
fliehen. Er ließ seine Eltern, seine Freundin und die Stätten
seiner Jugenderinnerungen schweren Herzens zurück.
Nun wollte Joachim Neumann seinen zurückgebliebenen Freunden ebenfalls zur Flucht verhelfen. So schloss er sich einer Studentengruppe an, die nacheinander mehrere Fluchttunnels von West nach Ost grub. Wassereinbrüche, Vermessungsfehler, Verrat und die zwischenzeitliche Verhaftung und Verurteilung seiner Freundin ließen ihn nicht resignieren. Der vierte Tunnel führte in zehn Metern Tiefe und mit über hundert Metern Länge bis unter den Hinterhof eines Ostberliner Wohnhauses. Dort befand sich in einem ehemaligen Toilettenhäuschen der Einstieg. In zwei Nächten im Oktober 1964 konnten 57 Menschen – darunter Neumanns gerade erst wieder aus der Haft entlassene Freundin - in den Westen fliehen. Doch auch dieser Tunnel war verraten worden. Im Dunkeln kam es zu einem Schusswechsel, wobei ein DDR-Grenzsoldat von den eigenen Leuten tödlich getroffen wurde. In fliegender Eile retteten sich die Fluchthelfer kriechend zurück in den Westen. In der DDR-Presse hieß es dann, westliche Provokateure und Agenten hätten den Grenzsoldaten meuchlings ermordet. Die Wahrheit kam erst zu Tage, als in den 90er Jahren der Obduktionsbericht in den Stasi-Akten gefunden wurde.
Joachim Neumann heiratete seine Freundin und plante weiterhin Tunnels, unter anderem den Eurotunnel von Calais nach Dover. Gebannt verfolgten über die Schüler der Klassen 10, 11 und 12 des LGW am Dienstag, den 18. Oktober 2011 den authentischen und fesselnden Bericht des aus Berlin angereisten Zeitzeugen.
Gerhard Widmann
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