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Zeitzeugenvortrag

"Kinder des Holocaust" – die letzten Zeitzeugen

Dr. Leon Weintraub als Gast am Luitpold-Gymnasium

 

   

 

120 Schüler der 9. Jahrgangsstufe für 90 Minuten in angespannter Aufmerksamkeit – illusorischer Wunschtraum eines jeden Geschichtslehrers. Das gelang dem Auschwitz-Überlebenden Dr. Leon Weintraub bei seinem beeindruckenden Vortrag im Luitpold-Gymnasium am 17. April 2015.

 

Der 1926 im polnischen Lodz geborene und in sehr einfachen Verhältnissen aufgewachsene Zeitzeuge sollte im September 1939 in ein Gymnasium übertreten, als die deutsche Wehrmacht sein Heimatland überfiel. Das Gehämmer der benagelten Soldatenstiefel, das "wie eine unüberwindliche Walze" in den Straßen jeden Widerstand vernichtete, ist ihm bis heute präsent. Statt ein Gymnasium zu besuchen, musste er als Jude fortan im Getto mit acht Familienmitgliedern in einem Raum wohnen und unter extremem Hunger leiden. Doch solange sie als Arbeitskräfte für die NS-Industrie gebraucht wurden, sahen sie immerhin eine Chance, am Leben zu bleiben. Denn Alte, Kranke und Kinder wurden ab 1942 gnadenlos selektiert und ermordet. Die NS-Besatzungsherrschaft hatte als Ziel verkündet, "die Juden als Pestbeule ein- für allemal auszurotten".

 

Als im August 1944 die herbeigesehnte Sowjetarmee bereits an der Weichsel stand, wurden die bis dahin überlebenden Gettobewohner in Güterwagons gepfercht, vorgeblich um sie "in Sicherheit" zu bringen. An der Rampe in Auschwitz wurde dem 18-Jährigen sein Rucksack entrissen mit den Worten: "Hierher kommt man nicht zum Leben." Im Rückblick meint Weintraub: "Wir haben das Schlimmste erwartet, aber nicht das Undenkbare". In einem unbeobachteten Moment gelang es ihm, sich einer zur Zwangsarbeit vorgesehenen Gruppe anzuschließen. Doch auch diese entmenschlichten und entwürdigten Arbeitssklaven konnten nur so lange überleben, als sie für die SS einen brauchbaren "Nutzgegenstand" abgaben. Weintraub wurde Zeuge einer Hinrichtung von Leidensgenossen, denen die Flucht misslungen war. Bei einem Evakuierungsmarsch vor der heranrückenden Front durch tiefen Schnee im Februar 1945 wurden die Gehunfähigen von ihren Bewachern erschossen. Wegen eines Fehlers bei der Arbeit wurde Weintraub am Prügelbock bestraft und fiel nach acht Schlägen in Ohnmacht. Mit gerade noch 35 Kilogramm Körpergewicht und einer schweren Typhuserkrankung erlebte er seine Befreiung durch französische Besatzungssoldaten im April 1945 in Donaueschingen.

 

Nach seiner Genesung hatte er das Glück, überlebende Verwandte zu finden. Obwohl er bisher nur die sechsjährige Grundschule in Polen absolviert hatte, bestand er nach dreimonatiger Vorbereitung das deutsche Abitur, um sein bereits zuvor begonnenes Medizinstudium abschließen zu können. 1950 kehrte er nach Polen zurück, um dort als Arzt zu arbeiten. Als er im Zuge einer antisemitisch-antiisraelischen Kampagne der kommunistischen Partei seine Arbeit verlor, emigrierte er 1969 mit seiner Familie nach Schweden.

 

Der 89-Jährige präsentierte sich seinen jungen Zuhörern als bewunderungswürdiger Mensch, der trotz seiner grauenvollen Erlebnisse Kraft bewahrt und in ein gutes Leben zurückgefunden hat. Am Ende appellierte Weintraub an die Schüler: "Als Nachfahren der Täter seid ihr völlig unschuldig. Vom Wissen darüber kann ich euch jedoch nicht befreien. Ich hoffe, dass ihr alles tut, um Hass und Rassismus zu verhindern!"

 

Gerhard Widmann







Luitpold-Gymnasium Wasserburg am Inn