Gebrüder Grimm gegen Google & Co.

28.10.2026

LGW-Theatergruppe begeistert mit dem zeitkritischen Märchen-Medley „Ach wie gut, dass niemand weiß“.

Die Märchen-GmbH hat große Sorgen: Immer weniger Leute lesen heute noch Märchen. Hexe Raffzahn, eine Art CEO der Märchen-GmbH, fordert deshalb auf einer Betriebsversammlung von allen Abteilungen innovative Ideen, wie man die alten Grimm‘schen Märchen attraktiver, moderner und kostensparender machen könnte.

Die Abteilung Aschenputtel beispielsweise zeigt sich enorm kreativ: Werbefachmann Max Mustermann macht Vorschläge für Product-Placement: einen Markenbesen für Aschenputtel, ein Deo gegen den Schweißgeruch beim Tanz, neue Outfits für die Töchter von otto.de, Linsen aus der Grimm‘schen Mühle fürs Töpfchen, Schuhe von Zalando für Aschenputtel, eine Prinzenrolle gegen den Hunger und Parship-Partnersuche für die vom Prinzen verschmähten Töchter. Das Publikum dankte für die witzigen Einfälle mit häufigem Zwischenapplaus.

In einer anderen Abteilung geht die Nanny-Goat ins Industriegebiet nebenan, um bei McDonalds Futter für ihre sieben Kids zu besorgen. Da der Wolf heutzutage ein Imageproblem hat, klopft nun ein Versicherungsmakler mit Aktentasche und gegelten Haaren bei den Kids und schwätzt ihnen Versicherungsverträge auf, deren Prämien sie nicht bezahlen können. Deshalb müssen sie für ihn arbeiten. Als ihm die Jäger des Finanzamts auf der Spur sind, setzt er sich mit seinem Vermögen auf die Bahamas ab.

Bei Rotkäppchen sollen Figuren eingespart werden: Die Großmutter kommt in eine Seniorenresidenz, die gestresste Mutter verbringt ihre Zeit beim Therapeuten und Rotkäppchen übernimmt im Dialog mit dem Wolf selbst abwechselnd dessen Rolle.

Zwei Parallelhandlungen unterbrechen die Modernisierungsüberlegungen der GmbH-Abteilungen: In der realen Welt haben die gestressten Eltern das nervige abendliche Märchenvorlesen für ihre Tochter eingestellt und ein smartes Gerät namens „Hexa“ angeschafft, das auf Wunsch des Kindes jedes Märchen vortragen kann. Hexe Raffzahn überwacht derweil im Zauberspiegel die Aktivitäten aller Abteilungen. Gleichzeitig telefoniert sie mit einem Big-Tech-Boss, der den Absatz für „Hexa“ vergrößern möchte. Er verspricht Raffzahn eine stattliche Provision dafür, dass sie die alten Märchen vollständig abwickeln und vom Markt verschwinden lässt. Doch Rumpelstilzchen hat die Hexe heimlich belauscht und bringt Aschenputtel dazu, eine erneute Betriebsversammlung der Märchen-GmbH einzuberufen, von der Raffzahn ausgeschlossen bleibt. Dort wird beschlossen, die Märchen wieder so zu spielen, wie sie früher waren. Allerdings gibt es eine Ergänzung für den Grimm‘schen Kosmos: Es war einmal ein böser König. Dieser hat der Hexe Raffzahn aufgetragen usw.

Die tröstliche Erkenntnis daraus: Wir können uns gegen die allgegenwärtigen Manipulationsversuche der Tech-Giganten wehren und das bewahren, was uns in unserer Welt wertvoll ist. Die alten Märchen geben uns nämlich die Zuversicht, dass das Bedrohliche vom Guten besiegt werden kann.

Das zahlreich erschienene Publikum quittierte die Leistung der 34 jungen Darstellerinnen und Darsteller aus den Jahrgangsstufen 6 bis 11 mit begeistertem Beifall. Die Aula war ein magischer Ort geworden, um „gemeinsam Geschichten zu erleben“, wie es Schulleiterin Tanja Oberhofer in ihren Begrüßungsworten angekündigt hatte. Ein herzlicher Dank gilt den Leiterinnen Frau Hoffmann und Frau Mertz, allen Mitwirkenden sowie dem SRF-Team für die wochenlange Probenarbeit und den schönen Theaterabend!

Gerhard Widmann